Mehr als Wald und Wiesen

Das Waldviertel hat seinen Namen zu Recht. Stehen doch gegenüber des Mühlviertels sehr viele Bäume. Wie das Mühlviertel ist auch das Waldviertel eine Grundgebirgslandschaft aus Graniten und Gneisen. Aber vermutlich, weil das Mühlviertel in Oberösterreich ist, sind die mühlviertler Berge eine Spur höher, trotzdem gibt es auch zwischen Gmünd und Donau Erhebungen mit über 1000 Meter.


Dass dieses Gebiet nördlich der Donau schon früh besiedelt wurde, zeigt eine kleine Dame, die weltberühmt wurde: Am 7. August 1908 wurde bei Bauarbeiten zur Donauuferbahn in Willendorf in der Wachau in 25 cm Tiefe eine rund 11 cm große und knapp 30.000 Jahre alte Frauenfigur gefunden: Die Venus von Willendorf. Die kleine Skulptur dieser etwas beleibteren Dame mit großen Brüsten und der auffälligen Frisur ist wohl das bedeutendste Sammlungsobjekt des Naturhistorischen Museums in Wien und einer der berühmtesten archäologischen Funde der Welt. Aber nicht nur der Fund ist spektakulär, auch die Umgebung – hat es doch die „Kulturlandschaft Wachau“ auf die Liste des „UNESCO-Weltkultur- und -naturerbes“ geschafft. Und die höchste Erhebung der Wachau ist zugleich auch ein „Summit“ auf der nö. Bezirkstour. Und man kann mit dem Auto fast bis zum Gipfel fahren oder ihn aber von allen Seiten erwandern oder sogar erpilgern.


Der Jauerling überragt das „Kremser Land“
960 Meter ragt der Jauerling empor – der höchste Berg an der 2850 km langen Donau überhaupt. Er verbindet die Wachau und das Waldviertel und von seinem Gipfelplateau aus kann man beide Seiten sehen … und noch viel weiter. Allerdings vom richtigen Gipfel sieht man nur Bäume und dort steht ein rundes Denkmal. Dann gibt es noch einen „Falschen Gipfel“, der hat zwar ein Kreuz, aber auch keine Aussicht. Trotzdem: Der Naturpark Jauerling hat auch herrliche Aussichten. Auf der Jauerling Gipfelrunde – dauert eine gute Stunde – kommt man direkt vorbei, etwa bei der Jauerling-Aussichtswarte. Oder beim Naturparkhaus, dort steht man quasi am Balkon der Wachau. Im Winter kann man dort auch Skifahren, was Kirchschlag für Linz, ist der Jauerling für Krems.


Auf Gipfelsuche in der Wild
Auf der anderen Seite des Waldviertels, also an der tschechischen Grenze, ist der Bezirk Horn und der höchste Punkt dieses Bezirkes liegt auf 603 Metern in der Wild, das ist der Name dieses geschlossenen Waldgebietes. Mit den umgebenden Feuchtwiesen ist die Wild rund 20 Quadratkilometer groß, einen echten Gipfel hat es allerdings nicht. Der höchste Punkt ist am einfachsten von der Ortschaft Dietmannsdorf erreichbar – bei der Hubertuskapelle kann man entweder den linken oder den rechten Weg nehmen, im Wald dahinter überschreitet man die 600-Meter-Grenze. Übrigens ist Dietmannsdorf nicht zu verwechseln mit Dietmanns, diese Gemeinde liegt fünf Kilometer nordwestlich und im Nachbarbezirk Waidhofen an der Thaya. Und von dort kann man den Predigtstuhl erklimmen, den höchsten Berg im Bezirk Waidhofen an der Thaya. Im vorigen Jahrhundert stand am Gipfel sogar ein hölzerner Aussichtsturm und man konnte Schneeberg und Ötscher sehen. Der Turm ist verschwunden und die Aussicht ist ob der vielen Bäume ebenfalls getrübt, das hat den Vorteil, dass man das nahe Atomkraftwerk Dukovany auch nicht sieht. Aber es gibt ein Gipfelbuch, in das man sich eintragen kann. Und ein bisschen ist der Predigtstuhl mit dem Großglockner vergleichbar. Von den Tschechen wurde im Mittelalter die Grafschaft Raabs als Rakousko (das bedeutet „Raabser Land“) bezeichnet. Diese Bezeichnung wurde später auch auf das Land hinter Raabs ausgedehnt und heute bezeichnen die Tschechen ganz Österreich als Rakousko.


In Gmünd beginnt der Hohe Norden
Wer Lust auf einen Vorgeschmack auf die russische Taiga oder das finnische Lappland haben möchte, sollte in den Bezirk Gmünd kommen. Und in dem Bezirk liegt auch der höchste Berg des gesamten Waldviertels: Der Tischberg befindet sich im Dreiländereck zwischen Böhmen, Nieder- und Oberösterreich in der Ortschaft Karlstift. Bei den Skiliften geht es rein in den Wald und dann gemütlich durch Wald und Wiesen rauf zum Tischberg auf 1068 Meter. Es lohnt sich etwas herumzustreunen und auch die anderen „Gipfel“ dieses bewaldeten Kamms zu erklimmen. So entspringt knapp unterhalb des benachbarten Eichelberges (1054 Meter) die Lainsitz, der Fluss wird 200 Kilometer später in die Moldau rinnen. Übrigens geht auch der Europäische Fernwanderweg „E6“ über den Tischberg – der Teil in Oberösterreich ist unter dem Namen Nordwaldkammweg bekannt. Also wer viel Zeit hat, könnte im finnischen Kilpisjärvi starten und über 5000 Kilometer bis zu den türkischen Dardanellen gehen, etwa in der Hälfte liegt der Tischberg.


Zwettl bietet Burgen und Granit
Ganz im Südosten des Bezirks liegt der höchste Berg des Bezirkes Zwettl: Der Weinsberg ist geschichtsträchtig, bereits 1388 wurde eine Burg dort als Burgstall erwähnt. Reste von Mauern sind teilweise noch beim Plateau sichtbar. Und er gab auch dem Weinsberger Granit seinen Namen. Die Tour beginnt etwas außerhalb der Gemeinde Bärnkopf, der Luftkurort ist übrigens die höchstgelegene Gemeinde des Waldviertels. Von der Landstraße geht ein kleiner Steig auf den Gipfel, 1041 Meter über dem Meeresspiegel. Von der Straße braucht man vielleicht zehn Minuten. Und in Sichtweite liegt auch schon der nächste Summit des Waldviertels: Der Peilstein. Für Genießer ist es überlegenswert, beide Gipfel zu verbinden. Denn vom Weinsberg abwärts rinnt die Ysper – und sie schuf dort eine atemberaubende Klamm. Diese Ysperklamm ist bereits seit 1952 ein Naturdenkmal und kommt man von oben „spart“ man sich auch den Eintritt. Dann muss man allerdings ein bisschen hatschen, damit man zum Einstieg auf den Peilstein nach Laimbach kommt.


In Melk steht der Große im Schatten des kleinen
Man ist gewohnt, dass große Flüsse natürliche Grenzen sind und meist wird das auch von der Verwaltung genutzt. In Melk ignoriert man hingegen den Donaulimes und der Bezirk erstreckt sich dies- und jenseits des großen Stromes. Die höchste Erhebung des Bezirkes ist im Wald- und nicht im Mostviertel, also auf der Nordseite der Donau. Der Große Peilstein mit seinen 1061 Metern ist auch die höchste Erhebung des Ostrongs und gleichzeitig die höchste Erhebung des gesamten südlichen Waldviertels. Von Laimbach geht es über die Schneidermauer zum kleinen Peilstein mit Gipfelkreuz und Gipfelbuch auf einer imposanten Felsformation. Es empfiehlt sich, hier die Rast zu machen und sich im Gipfelgefühl zu sonnen, denn der große Peilstein mit seinen 1061 Metern ist zwar um 37 Meter höher, aber lange nicht so spektakulär.
Der überwiegende Teil des Bezirkes Melk und die auch Bezirksstadt liegen aber auf dem anderen Ufer der Donau und damit schon im Mostviertel … doch davon erzählt eine andere Geschichte.

Der Jauerling ist ein Hochplateau mit einem echten und einem falschen Gipfel.
Einen Vorgeschmack auf den hohen Norden hat man rund um Karlstift, dort liegt auch der Tischberg, der höchste Berg im Bezirk Gmünd und der höchste Berg des Waldviertels.
Der Weinsberg ist nicht nur die höchste Erhebung im Bezirk Zwettl, sondern auch vom Weinsberger Forst, dem größten geschlossene Waldgebiet Österreichs. Ebenfalls nach ihm benannt ist ein Granit. Laut Wikipedia ist er grobkörniger mit grob- bis riesentafeligen Kalifeldspaten, sodass das weit feinkörnigere Zwischengemenge von Biotit, Oligoklas, Mikroklin und Quarz nur eine untergeordnete Fülle darstellen.
In Sichtweite des Weinsbergs, nur durch das Yspertal getrennt, und 20 Meter höher ist der Peilstein. Das Gipfelkreuz steht allerdings nicht am Großen (1061 Meter) sondern am Kleinen Peilstein – er ist übrigens mit 1041 Metern genauso hoch wie der Weinsberg.
In der Wild sucht man den Gipfel vergebens, ursprünglich war das Gebiet ein sumpfiger Wald und wurde durch Fichten-Aufforstung „trockengelegt“. Aber angesichts des regnerischen Wetters holte mich bei „meiner Besteigung“ des höchsten Punktes im Bezirk Horn die Vergangenheit ein.
Der Nachbarbezirk hat nicht nur eine über 100 Meter höhere Erhebung, sondern mit dem Predigtstuhl ein echtes Gipfelerlebnis samt Gipfelbuch … und ein bisschen klettern kann man auch.

Auch das Niedere hat Erhebungen

Das Weinviertel ist nicht nur wegen des Weines bekannt, sondern auch wegen des „Hercule Poirots von Niederösterreich“: Gendarmerie-Inspektor Simon Polt. Wie man in den Polt-Filmen erahnen kann, gibt es in der Gegend zwischen Thaya und Donau keine alpinistischen Herausforderungen – statt Bergstraßen sind eher die Kellergassen berühmt.


Niederösterreich ist groß und die Entfernungen sind durchaus beachtlich, in der Nord-Süd-Richtung sind es 178, in der Ost-West sogar 196 Kilometer. Die wohl effizienteste Weise, die Besteigung der höchsten Berge aller nö. Bezirke zu machen, ist daher mit dem Auto. Und ich konnte durch meine Gipfeltour gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Mein Sohn konnte ausreichend Übungskilometer für den Führerschein absolvieren und ich hatte immer einen Fotografen mit – auch bei meinen „Wanderungen“ im Weinviertel.
Seit der Einführung der Politischen Bezirke 1868 haben die Viertel in Niederösterreich übrigens keine rechtliche Grundlage mehr, sie sind also reine Landschaftsbezeichnungen. Deshalb decken sich auch die Grenzen zwischen Viertel und Bezirk nicht genau. Zum Weinviertel werden die Bezirke Gänserndorf, Hollabrunn, Korneuburg und Mistelbach gezählt. Auch Teile der Bezirke Tulln, Horn und Krems werden dem Weinviertel zugerechnet – aber die höchsten Punkte dieser Bezirke liegen in anderen Vierteln. Das Weinviertel ist mit ca. 15.800 ha das größte Weinbaugebiet Österreichs, aber durch das Marchfeld ist es auch die „Kornkammer Österreichs“ und 1837 wurde dort auch die Kaiser-Ferdinand-Nordbahn als erste Dampfeisenbahn Österreichs in Betrieb genommen.


Ein Kein-Berg mit Aussicht
Von einem höchsten Punkt kann man im Bezirk Gänserndorf eigentlich kaum sprechen, ist doch der Großteil des Bezirkes Gänserndorf – bekannt als Marchfeld – eine der größten Ebenen Österreichs. Diese Gegend ist weniger für Berge bekannt, denn für Schlachten: Am 26. August 1278 kam es bei Dürnkrut und Jedenspeigen etwa zu einer der größten Ritterschlachten Europas: Der 60-jährige Rudolf I. von Habsburg, der fünf Jahre davor zum römisch-deutschen König gewählt worden war, stellte sich hier erfolgreich Ottokar II., König von Böhmen, und Rudolf legte so den Grundstein für die Dynastie der Habsburger. Franz Grillparzer hat dieser Schlacht in „König Ottokars Glück und Ende“ ein literarisches Denkmal gesetzt. 521 Jahre später kam es ein paar Kilometer westlich zu einer weiteren historischen Schlacht: In der Schlacht bei Wagram am 5. und 6. Juli 1809 besiegten Napoleons französische Truppen die Armee von Erzherzog Karl von Österreich. Der höchste Punkt des Bezirks liegt genau zwischen diesen beiden Schlachten, im Gemeindegebiet von Neusiedl an der Zaya. Dort beim Wirten zum Steinberg ist diese Erhebung, wobei man den Gipfel nur erahnen kann, aber man hat trotzdem eine herrliche Aussicht über das gesamte Marchfeld, da fühlt man sich auf einem Feldherrenhügel. Und dreht man sich um, sieht man den Wald vor lauter Windrädern nicht.


Korneuburg erlaubt Blick in die Geschichte
Seit jeher waren die inselartig aus dem flachen Hügelland des Weinviertels aufragenden Berge Fluchtpunkte für die Menschen. Das Weinviertel weist im Vergleich zu manch anderen Landschaften Österreichs eine dichte ur- und frühgeschichtliche Besiedlung auf, liegt es doch im Kreuzungsbereich der Bernsteinstraße und des Donauweges. Zählt man zwei und zwei zusammen, ist klar, dass die Leiser Berge eine historische Fundgrube sind. So auch am Steinberg, wo eine urgeschichtliche Höhensiedlung nachgewiesen ist – und der heute die höchste Erhebung im Bezirk Korneuburg ist. Allerdings ist der Gipfel im Betriebsgebiet eines Steinbruches und daher nicht zu besteigen, aber ein Wanderweg geht etwas unterhalb vorbei. Übrigens heißt der Berg auch – wie sein Pendant im Bezirk Gänserndorf – Steinberg. Am Oberleiser Berg, quasi der Nachbarhügel, konnte erstmals in Mitteleuropa ein befestigter germanischer Königssitz aus dem 4. bis 5. Jh. n. Chr. ausgegraben werden. Dieser wurde nach römischem Vorbild als Herrenhof errichtet. Auf dessen Gelände befindet sich heute der Aussichtsturm. Einige Funde aus der Urzeit sind in Ernstbrunn in einem Fossilienschauraum beim Bahnhof zu besichtigen. Nicht weit ist das Museum für Urgeschichte in Asparn an der Zaya entfernt. Einen Hügel weiter ist der Buschberg, der höchste Gipfel der Leiser Berge …


Mistelbach hat sogar eine Alpenvereinshütte
… und mit seinen 491 Metern ist er auch die höchste Erhebung im Bezirk Mistelbach. Statt eines Gipfelkreuzes hat er allerdings eine riesige „weiße Kugel“ auf dem Gipfel. Das Flugsicherungsradar der Austro Control überwacht von dort die Zivilluftfahrt in Ostösterreich. Etwas unterhalb des Gipfels steht die Buschberghütte, mit nur 484 Metern ist es die tiefstgelegene Hütte des Alpenvereins. 1970 wurde übrigens der Großteil der Leiser Berge zum Naturpark erklärt, der Grund sind die steppenartigen Trockenwiesen.


Eine Grenzerfahrung in Hollabrunn
Meine Summittour durch das Weinviertel endete im Bezirk Hollabrunn und in einer Grauzone. Ein kleiner Teil des Bezirkes gehört nämlich offiziell zum Waldviertel, aber die Grenzziehung ist nicht ganz so einfach. Der Manhartsberg bildet als Ostrand des Böhmischen Massivs den „Grenzstein“ zwischen dem Viertel ober dem Manhartsberg (Waldviertel) und dem Viertel unter dem Manhartsberg (Weinviertel), mit seinen 538 Metern liegt der Manhartsberg im Bezirk Krems-Land. Und ein Nebenhügel auf diesem Bergrücken ist der Sulzberg – mit 528 Metern der höchste Berg im Bezirk Hollabrunn – und daher auf meiner To-Do-Liste. Wir starteten in der Ortschaft Olbersdorf, gingen von der Kirche den Kreuzweg hinauf, dann Richtung Manhartsberg, immer entlang eines hohen Zaunes. An der Stelle, wo man diesen per Metallleiter überqueren kann, beginnt das Gipfelplateau des Sulzberges. Der Zaun begrenzt ein großes Wildschweingehege und das Gipfelgefühl ist deshalb ein bisschen mulmig – auch gibt es weder Kreuz noch Gipfelbuch. 500 Meter weiter wäre dann der Manhartsberg, dieser ist außerhalb der Wildschweingeheges, liegt aber sicher schon im Waldviertel. Ob der Sulzberg noch zum Weinviertel zählt, ist hingegen Geschmacksfrage – ich habe mich auf jeden Fall dafür entschieden. Denn das Waldviertel hat eh so viele Bezirke und viel mehr Berge … und davon erzählt eine andere Geschichte.

Auf dem Steinberg – ein paar Meter neben dem vermutlich eigentlich höchsten Punkt des Bezirks Gänserndorf – kann man erahnen, wie sich die Feldherren damals fühlten, wenn unten im Marchfeld die Schlacht tobte. Aber es ist vermutlich kein historischer Feldherrnhügel, sondern lediglich der Aushub, der bei der Errichtung der Windräder übrigblieb.
Der Gipfel des Steinberges im Bezirk Korneuburg liegt oberhalb eines Steinbruches, die Umgebung ist ein Geheimtipp für Ausflüge, so ist am Fuße des Berges der Wildpark Ernstbrunn. Das dortige Wolf Science Center wurde ursprünglich im Juni 2008 im Cumberland Wildpark in Grünau im Almtal eingerichtet und übersiedelte ein Jahr später ins Weinviertel.
Ebenfalls zu den Leiser Bergen gehört der Buschberg, er ist die höchste Erhebung im Bezirk Mistelbach. Der Gipfel selbst wird von einer Radarstation dominiert, aber rundherum lockt nicht nur die Natur (in einem Naturpark nicht verwunderlich) sondern auch Geschichte. Waren doch die Leiser Berge schon in der Steinzeit besiedelt
Den Gipfel des Sulzberges in Hollabrunn muss man sich mit Wildschweinen teilen, bei dem regnerischen Wetter ließen sie sich aber nicht sehen, außerdem wäre ich mit einem Schirm bewaffnet gewesen.

Mit Liste und System

„Das Wandern ist des Müllers Lust“, das weiß man von Franz Schubert bzw. von Wilhelm Müller, der den Text zur „Schönen Müllerin“ vor 200 Jahren geschrieben hat. Aber nicht nur Müller, auch analytische Geister können Lust am funktionslosen Gehen durch die Gegend gewinnen, allerdings gehen manche das Spazieren im Freien systematisch an.

Dieses sogenannte Systemwandern steht für das Erreichen von systematischen Wanderzielen, also man setzt Kriterien fest, macht eine Zielliste und dann geht es ans Abhaken. Ich bin quasi ein Pionier der regionalen Systemwanderung und das Volksblatt war immer dabei. Vor acht Jahren begann ich die höchsten Erhebungen aller Bezirke in Oberösterreich zu erklimmen. Wegen Knieproblemen konnte ich es allerdings noch nicht abschließen – noch immer steht der Große Priel (mit seinen 2515 Metern die höchste Erhebung im Bezirk Kirchdorf) auf meiner To-Do-Liste. Als Training habe ich derweilen die höchsten Erhebungen der 23 Wiener Bezirke bestiegen und das in nur 40 Stunden, auch darüber wurde im Volksblatt wöchentlich Bericht erstattet. Und nun werde ich mir das größte Bundesland in Österreich vornehmen.

Niederösterreich wurde erstmals als Ostarrichi im Jahr 996 n. Chr. erwähnt, erlangte als Erzherzogtum Österreich unter der Enns seine größte Ausdehnung und ist seit 1920 ein Bundesland mit den heutigen Grenzen. Trotzdem dauerte die „Abnabelung“ vom Herzen des Landes – sprich Wien – relativ lange: Erst 1986 bekam Niederösterreich mit St. Pölten eine eigene Hauptstadt und erst 2017 wurde der Bezirk Wien-Umgebung aufgelöst, die Gemeinden rund um die Bundeshauptstadt anderen Bezirken zugeteilt. Insgesamt ist Niederösterreich nun in 20 Bezirke gegliedert und hat zusätzlich vier Statutarstädte. Und es macht durchaus Sinn, die Tour auf die höchsten Berge genau dort zu beginnen. Denn die „städtischen Berge“ sind meist keine alpinistischen Herausforderungen und man muss daher konditionell nicht ganz so fit sein.

Mit St. Pölten ist man schnell durch

St. Pölten ist mit über 50.000 Einwohner die größte Stadt des Landes und hat sich in den vergangenen Jahren auch durch spektakuläre Bauten im Regierungsviertel gemausert. Trotzdem wurde sie nicht Kulturhauptstadt Europas und auch bezüglich Berge ist die Stadt an der Westbahn bzw. Westautobahn nicht so gesegnet. Die Westautobahn ist dafür ein unglaublicher Vorteil, ist man doch dadurch schnell an der Traisen. Und auch der höchste Punkt lässt sich mit dem Auto erfahren. Zuerst in Richtung Mariazell und dann vor der Stadtgrenze links abbiegen, über die Traisen und rauf zur Ochsenburg. Die mittelalterliche Festung der Herren Ochsenburger wurde im Laufe des 16. Jahrhunderts zu einem Schloss im Stil der Renaissance umgebaut und war jahrelang die Sommerresidenz der Bischöfe von St. Pölten. Der höchste Punkt liegt dann etwas oberhalb an der Stadtgrenze in Richtung Hinterholz. Nach diesem „Gipfelerlebnis“ kann man sich dann entweder die Stadt wirklich anschauen – oder aber man biegt zuvor auf die Westautobahn ab.

Wiener Neustadt geht im Vorbeifahren

Wiener Neustadt hat mit rund 45.000 Einwohner zwar etwas weniger Einwohnern als die Landeshauptstadt, wurde aber bereits 1468 – also Jahrhunderte vor St. Pölten – Bischofsstadt. Noch heute „residiert“ der Militärbischof in der Stadt im „Steinfeld“ und überhaupt hat das Militär hier eine Hauptrolle. Der höchste Punkt der Stadt ist aber noch unspektakulärer als jener an der Traisen im Mostviertel. Er liegt 332 Meter über dem Meeresspiegel auf der Landstraße zwischen Schwarzau am Steinfelde und Neusiedl am Steinfelde.

Jenseits der Kremser Weinberge

Käme man von Wien, wäre Krems der Eingang zur Wachau, von Oberösterreich gesehen, ist Krems der krönende Abschluss der weltberühmten Weingegend. Es fährt zwar auch die Bahn von Wien aus in die Stadt an der Donau, aber die Gipfelbesteigung erleichtert das Auto enorm. Also auf S33 von St. Pölten nordwärts und kurz nach dem herrlichen Anblick des Stiftes Göttweig geht es über die Donau in die Kultur- und Universitätsstadt Krems. Will man auf den höchsten Punkt dieser Statutarstadt, muss man vorbei am Kunsthaus und dann entlang der Gefängnismauer der Justizanstalt Stein in die Weinberge. Jenseits der Ortschaft Egelsee, wo viele Heurige zur Rast einladen, liegt der offiziell höchste Punkt – unspektakulär und „unbekreuzt“ irgendwo im Wald bei Scheibenhof. Weil uns leider der Akku des GPS ausging, konnte ich den genauen Punkt nicht verifizieren. Aber man fährt eh nicht nach Krems, um diesen Punkt zu erreichen, sondern um Kultur und Wein zu genießen. Und wenn man mit dem Auto unterwegs ist, sollte man sich beim Heurigen zurückhalten oder eine Übernachtung einplanen.

Waidhofen an der Ybbs: Kleine Stadt, hohe Berge

Die kleinste unter den nö. Statutarstädten ist Waidhofen an der Ybbs. Am Felssporn, wo Ybbs und Schwarzbach zusammenfließen, bauten im Mittelalter die Menschen eine Burg. Und rum um diese Burg hat sich ein nettes Städtchen entwickelt. Waidhofen, Zentrum der nö. Eisenwurzen, hat seit 1869 ein eigenes Statut und etwas über 11.000 Einwohner. Im Unterschied zu den anderen Statutarstädten ist das zwar wenig, dafür hat die Stadt an der Ybbs viel Fläche und ist bundesweit die drittgrößte Statutarstadt nach Wien und Villach. Eine Folge: Es gibt in der Stadt im Mostviertel echte Berge. Die Hausberge Waidhofens sind der Buchenberg (790 m) und der Schnabelberg (958 m), die höchste Erhebung ist allerdings der Wetterkogel an der Gemeindegrenze zu Opponitz. Ein Parkplatz-Problem hat man bei dieser Wanderung nicht, ist doch der Einstieg bei der Talstation des Skigebiets Forsteralm. Über die Schipiste gehts rauf in Richtung Amstettner Hütte, von dort aus gibt es dann einen Pfad zum Hirschkogel und weiter zum Wetterkogel. Offiziell ist der Waldberg in den Ybbstaler-Alpen 1115 Meter hoch, doch vor Ort wird er lediglich mit 1111 Metern angeschrieben – zurück geht es dann wieder zur Amstettner Hütte, wo man in der Sommersaison von Donnerstag bis Sonntag auch einkehren kann.

Hoch über der Traisen liegt die Ochsenburg, die ehemalige Sommerresidenz der Bischöfe von St. Pölten. Und noch etwas höher und weiter östlich liegt an der Stadtgrenze der höchste Punkt der Landeshauptstadt.
Der höchste Punkt von Wiener Neustadt liegt im Wald bei der Landstraße zwischen Schwarzau am Steinfelde und Neusiedl am Steinfelde auf 332 Meter – er ist aber kein Fotomotiv. Nur ein paar Meter weiter, etwas niedriger und knapp nicht mehr im Stadtgebiet überquert die Straße dann den Kehrbach, einen 16 km langen Kanal, der im Mittelalter angelegt wurde, um den Burggraben der Burg zu Wiener Neustadt – dort ist heute die Theresianische Militärakademie untergebracht – mit dem Wasser der Schwarza zu befüllen. Im 19. Jahrhundert wurde er von den Grafen Hoyos als Schwemmkanal eingerichtet, auf dem Scheiterholz aus dem Gebiet der Rax und des Schneeberges nach Wiener Neustadt gedriftet wurde.

Auch der höchste Punkt von Krems ist eher unspektakulär: zwar ist die Starhembergwarte und auch der Vogelberg nicht weit, doch diese sind schon im Gemeindegebiet von Mautern.
Die einzige Statutarstadt mit echtem Berg ist Waidhofen an der Ybbs. Der Wetterkogel ist sogar über 1000 Meter hoch.


Stadtwanderwege mit Panoramablicken

Der Wienerwald ist das Ostenende der Alpen und gilt als die grüne Lunge der Bundeshauptstadt, er bietet darüber hinaus Gipfelerlebnisse in Stadtnähe samt Kreuz und ohne Verirrungsgefahr. Er ist aber auch ein Eldorado für Mountainbiker …

… und die sind vermutlich auch die größte Gefahr auf diesen Wanderwegen, ansonsten ist der Wienerwald nämlich ein echtes Wandergebiet. Die höchsten Erhebungen der westlichen Bezirke in Wien liegen allesamt in diesem nordöstlichsten Ausläufer der Alpen. Und es ist vermutlich auch die einzige Stelle, wo die Alpen über die Donau reichen.
Auf dem Abhang des Bisamberges liegt bei der Eichendorffhöhe zum Beispiel der höchste Punkt von Floridsdorf — am besten erreichbar über den Stadtwanderweg 5 von Stammersdorf aus, da kommt man auch durch die Kellergasse und irgendwo ist sicher ausgesteckt.

Leider kein Stadtwanderweg führt auf den Schafberg, den höchsten Berg in Währing (18. Bezirk). Auf den kleinen Bruder des gleichnamigen Berges im Salzkammergut kann man auch nicht mit der Zahnradbahn hinauffahren, aber in der Nähe hat die Straßenbahnlinie 43 ihre Endstation. Und statt im Wolfgangsee kann man sich nach dem Gipfelsturm im Schafbergbad abkühlen.

Aber heißt es wieder ab auf die Stadtwanderwege: Auf jenem mit der Nummer 6 kommt man fast direkt auf den Eichkogel, der höchste Berg in Liesing ist von drei Seiten von Niederösterreich umschlossen. Den höchsten Punkt in Ottakring erreicht man via Stadtwanderweg 4, der Punkt liegt direkt am Fuße der Jubiläumswarte. 1898 anlässlich des 50-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. wurde dort ein Holzturm errichtet, den der Wind allerdings umfegte. Sein Nachfolger aus Eisen hielt zumindest 50 Jahre. 1955 wurde die Warte aus Beton und Stahl neugebaut. Von dort oben kann man Rundum-die-Uhr einen Rundum-Blick genießen.
Um lediglich 13 Meter höher liegt das Hameau im 17. Bezirk. 1765 hat Feldmarschall Franz Moritz Graf von Lacy diesen Flecken im Wienerwald erworben und einen englischen Landschaftsgarten samt kleinen Häuschen errichtet – daher der Name „Hameau“ (französisch für Dörfchen). Heute steht nur mehr ein Haus, in das man sich bei Regen flüchten kann, wenn man auf dieser Wiese picknickt (übrigens führt hier der Stadtwanderweg 3 hin).

Die 500-er Grenze

Mit dem Gipfel im 14. Bezirk überschreitet man erstmals die 500-er Grenze. Der Schutzengelberg an der Grenze zu Niederösterreich ist allerdings sehr versteckt im Wald, hier kann man Gipfel und Schwammerl suchen verknüpfen. Ebenfalls keine rechte Gipfelfreude stellte sich bei meiner Besteigung des höchsten Punktes von Hitzing ein. Einerseits war das Wetter nicht ideal und andererseits liegt der von den Experten errechnete Punkt etwa 300 Meter von dem aufgestellten Gipfelkreuz des Dreihufeneisenberges enfernt – aber das Kreuz war trotzdem das viel schönere Fotomotiv. Das große Finale gibt es dann in Döbling: Der Hermannskogel ist mit 542 Metern nämlich auch der höchste Punkt von Wien und er ist der Höhepunkt des Stadtwanderweges 2. Das Gipfelkreuz steht etwas oberhalb der Warte, die auch für Geografen interessant ist, war die Habsburgwarte doch der Fundamentalpunkt (Koordinatenursprung) der Landesvermessung von Österreich-Ungarn.

Bilder aus dem Wienerwald (von links oben): Immer wieder kann man auf den Wegen im Wienerwald auf die Wiener hinunter schauen, etwa von der Jubiläumswarte in Wien Ottakring. In Floridsdorf ist der höchste Punkt in der Nähe des Denkmals von Joseph von Eichendorff   und auch von dort hat man trotz geringerer Höhe einen guten Ausblick. Aber manchmal sieht man den Gipfel vor lauter Bäumen nicht, wie am Schafberg in Währing oder in Hütteldorf beim Schutzengelberg, da kann man dann Schwammerl und Gipfel gleichzeitig suchen. Das Gipfelkreuz am Dreihufeisenberg (5) markiert leider nicht genau den höchsten Punkt von Hietzing. Dafür hat man sowohl am Eichkogel (5) als auch am Hermannskogel kein Problem damit. Ein echter Geheimtipp ist das Hameau.

Mit der U-Bahn zum Gipfelerlebnis

Gerade in den Wiener Innenbezirken ist es gescheit, die Öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen – selbst beim Bergsteigen. Die Summit-Tour innerhalb des Gürtels führt durch ein (Noch-) Weltkulturerbe.

Wien ist anders – sogar bei den Höhenangaben. Denn die Bundeshauptstadt hat ein eigenes Höhenbezugssystem. Die „Wiener Null“ wurde Ende des 19. Jahrhunderts definiert und liegt vier Meter über dem Mittelwasser des Donaukanal-Pegels an der damaligen Ferdinandsbrücke, wo heute die Schwedenbrücke die Bezirke Innere Stadt und Leopoldstadt verbindet. Zum Umrechnen: Die „Wiener Null“ liegt auf einer Seehöhe von 156,68 (also genauer gesagt über dem mittleren Pegelstand des Mittelmeeres bei Triest), das muss man also immer dazurechnen. Der höchste Punkt der Inneren Stadt (1. Bezirk) ist allerdings auf der anderen Seite der Kernzone des Weltkulturerbes Wien, dieses kulturelle Erbe spürt man auf der Wiener  Summit-Tour und immer wieder gibt es auf den Gipfeln kulturelle Schmankerl. Am Schmerlingplatz (gut erreichbar mit der Linie U2) thront etwa eine Skulptur von Ludwig Anzengruber auf dem Gipfel des 1. Bezirkes. Die Familie Anzengruber stammt übrigens aus Hofkirchen an der Trattnach (Bezirk Grieskirchen). Ludwig Anzengrubers Vater, Johann Anzengruber, verließ als Bursche den väterlichen Hof, um in Wien eine Beamtenstelle zu übernehmen. Unweit des Denkmals ging Anzengruber zur Schule. Auf der Summit-Tour kann man dann umsteigen auf die Straßenbahnlinie D und entlang des Ringes die Prachtbauten genießen. Der höchste Punkt des 3. Bezirkes ist nämlich im Park rund um das 21er Haus (am besten bei der Haltestelle Quartier Belvedere aussteigen).

Höhenstraße Gürtel

Auch die restlichen „Gipfel“ der inneren Bezirke liegen am Gürtel, der sich deswegen zweite Wiener Höhenstraße nennen könnte. Ihre Höhe ist allerdings nur zwischen 201 und 209 Meter und sie sind auch nicht wirklich als Gipfel ersichtlich. Daher ist es notwendig, ein mobiles Gipfelkreuz zu verwenden. Ich habe dafür meine Wanderstecken zweckentfremdet. Etwas überlaufen ist der Punkt im 4. Bezirk, liegt er doch in unmittelbarer Nähe des neuen Hauptbahnhofes am Busbahnhof für Fernreisen. Der höchste Punkt von Margareten (5. Bezirk) liegt etwas weiter westlich beim Matzleinsdorfer Platz, er ist der Böschung der Bahntrasse geschuldet. Ebenfalls aufgeschüttet ist die höchste Erhebung in Mariahilf – ein kleiner Blumenberg mitten im Kreisverkehr vor dem Westbahnhof. Ab dann liegen alle Gipfel an der U6: In Neubau (U6 Haltestelle Burggasse, 7.Bezirk) ist er vor der städtischen Bibliothek und sogar überdacht. Einen besseren Ausblick hat man aber, wenn man die Stiege auf die Bibliothek hinaufsteigt – dort oben gibt es sogar eine Bar. Am Gipfel der Josefstadt braucht man dann kein Gipfelkreuz, denn der Uhlplatz (U6 Haltestelle Josefstädterstraße, 8. Bezirk) wird beherrscht von der Pfarrkirche Breitenfeld. Die Kirche ist ein Ziegelrohbau, der an die italienische Frührenaissance anknüpft und knapp vor der Jahrhundertwende (1898) fertiggestellt wurde. Auch der Gipfel des 9. Bezirks wird von einem Bauwerk dominiert. Der höchste Punkt im Alsergrund liegt nämlich an der Auffahrt zur Notfallaufnahme des Wiener Allgemeinen Krankenhauses im Schatten des „grünen Bettenturms“.

Kulturwandern in Wien (von links oben): der Gipfel des 1. Bezirkes beim Denkmal des Dichters Anzengruber (1) und der im 3. im Park rund um das 21er Haus (2). Aber auch durch die Bahn gibt es „Höhepunkte“ wie etwa in Wieden (3) oder Margareten (4). Und ansonsten gilt für die Innenbezirke, dass der Gürtel quasi eine zweite Höhenstraße ist: In Mariahilf liegt der Punkt auf dem Gürtel am Eingang zur Mariahilfer Straße (5), in der Josefstadt (6) bei der Pfarrkirche Breitenfeld und in Wien-Neubau (7) vor der städtischen Bibliothek. Und wer sich beim Besteigen des Gipfel des Alsergrund — direkt vor dem Wiener AKH — weh tut, kann rasch verarztet werden.

Wachsende Berge und sportliche Gipfel

Auch die Bezirke der Bundeshauptstadt Wien haben höchste Erhebungen. Auf der Wiener Summit-Tour hat Herbert Schicho diese 23 „Gipfel“ in nur 40 Stunden bezwungen.

Vorweg: Es ist keine alpinistische, sondern eine organisatorische Höchstleistung. Und die begann schon bei der genauen Definition des Zieles. Dabei halfen zum Glück die Experten der Wiener Stadtvermessung, kurz MA 41. Sie stellten mir eine Liste der höchsten Punkte der einzelnen Bezirke zur Verfügung. Wobei man sich bei einer städtischen Gipfeltour von gewissen alpinistischen Vorurteilen verabschieden muss: Der höchste Punkt der meisten Bezirke ist nämlich nicht mit einem Gipfelkreuz klar erkennbar, oft sind es auch keine touristischen Highlights (diese liegen manchmal aber knapp daneben) und drittens kann man sehr häufig auf diese höchsten Punkte hinunterschauen, denn umliegende Gebäude sind deutlich höher. Dies gilt auch für den 22.: Die Donaustadt ist der bei weitem größte Bezirk in Wien, fast ein Viertel des Gemeindegebietes liegt in diesem Bezirk nördlich der Donau. Der an und für sich höchste Punkt dieses Gretzels voller Hochhäuser ist der Donauturm, mit seinen 252 Metern ist er sogar das höchste Bauwerk in Österreich. Für echte Bergfexen zählen aber nur Erderhöhungen und deswegen gilt als höchster Punkt des Bezirkes der Müllberg in der Deponie Rautenweg. Auf dem Michael Häupl Weg könnte man auf den etwas über 30 Meter hohen Gipfel steigen. Man braucht zur Besteigung aber eine Erlaubnis von der zuständigen Dienststelle. Oder aber man kommt von Mai bis Oktober am Freitag um 14 Uhr zu einem Besichtigungstermin. Da kann man mit etwas Glück auch Pinzgauer Ziegen beobachten, die hier seit Anfang der 90er-Jahre ihren Lebensraum gefunden haben, oder Enten, Krähen, Rehe, Hasen, 26 Schmetterlingsarten, 47 Spinnenarten oder 43 Laufkäferarten. Ich musste leider vor dem Zaun bleiben: Der Berg liegt derzeit nur knapp über der „magischen“ 200-er Grenze und im Bezirksvergleich an drittletzter Stelle. Bis zum Jahr 2065 darf dort Mist gelagert werden, so dass im Endausbau der Berg dann 75 Meter hoch sein und der Bezirk um sieben Plätze vorrücken wird. Er ist damit aber noch immer um mehr als 175 Meter niedriger als der Donauturm.

Höhepunkte am Abhang

Aber nicht nur im 22. Bezirk wurde die höchste Erhebung aufgeschüttet. Im 2. Bezirk ist es aber leider nicht der Konstantinhügel — dieser sieben Meter hohe Rodelberg mitten im Prater entstand im Zuge der Aushubarbeiten der Rotunde anlässlich der Weltausstellung 1873 — sondern es ist die Böschung, die beim Bahnhof Praterkai von den Gleisen hinabgeht. Auch im 20. Bezirk und im 11. Bezirk ist die höchste Erhebung eine Böschung, allerdings von einer Straße. Wobei man in Simmering nur mit einem hohen Sprung über die magische 200-Meter-Grenze kommt. Ebenfalls nicht besonders spektakulär ist das Gipfelerlebnis in Meidling. Denn der höchste Punkt des 12. Bezirks ist nicht die Gloriette in Schönbrunn, sondern am Rosenhügel, wobei an dieser Straßenkreuzung gleich drei Bezirke zusammenkommen und wenn man sein Gipfelbier in den „Drei Linden“ genießt, ist man schon im 23. Bezirk.
Zwar keine alpinistische, aber durchaus sportliche Abenteuer kann man auf den Gipfeln des 10. und des 15. Bezirk erleben. Denn in Favoriten ist die höchste Erhebung am Laaer Berg, allerdings nicht im Kurpark Oberlaa, sondern in einem Kindergarten direkt neben der Trainingsakademie der Wiener Austria. Und im 15. Bezirk ist der Gipfel im traditionsreichen „Sportgrätzl“ auf der Schmelz.

Bei der Besteigung der Gipfel in den äußeren Bezirken ist durchaus vorteilhaft, wenn man motorisiert ist. Denn sonst wird Anreise in die „Basislager“ langwierig. Ein Highlight der besonderen Art und ein Erlebnis auch für die Nase ist der höchste Gipfel in der Donaustadt, der Müllberg kann allerdings nur mit Genehmigung erklommen werden. Am höchsten Punkt in Favoriten sind sportliche Höchstleistungen gefordert, liegt er doch bei der Trainingsakademie der Wiener Austria . Und auf der Schmelz (3) wird am Gipfel Beachvolleyball gespielt. Die Gipfel der Bezirke 2., 20., 11. und 13. sind hingegen ehrlich gesagt keine Reise wert. In der Leopoldstadt  liegt er auf einer Bahnböschung, in Simmering, Meidling   und der Brigittenau am Straßenrand. Als Orientierungshilfe eine „selbstgebastelte“ Karte der Punkte

Auf der Wiener Summit-Tour heißt es nun umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel …

Die Liste

Während in den Bergen relativ gut ersichtlich ist, wo oben ist, ist es in der Stadt nicht ganz so einfach, den höchsten „Berg“ zu finden. Gerade in Wien mit seinen 23 Bezirken ist die Summittour keine alpinistische, sondern eine organisatorische Leistung. Zum Glück stellten mir die Experten der MA41 eine detaillierte Liste zur Verfügung:

Bezirk Höhe Wiener Null Gauß-Krüger M34 Rechtswert Gauß-Krüger M34 Hochwert
1 29,68 1775 340993
2 15,61 8096 340137
3 44,45 3925 338440
4 49,38 3060 338518
5 51,86 1673 337915
6 45,39 550 339704
7 55,84 390 340330
8 48,51 682 341589
9 48,25 1067 342569
10 98,69 4709 335515
11 42,85 5868 336190
12 85,94 -2984 336010
13 360,61 -10752 337300
14 351,74 -8291 346531
15 87,28 -760 340633
16 294,51 -4967 342535
17 307,90 -4960 346290
18 233,19 -2968 344614
19 387,16 -2790 348040
20 17,71 3094 345823
21 183,18 3675 353195
22 43,64 11208 347043
23 271,44 -8470 332023

Der Wiener Null Punkt liegt übrigens bei der Schwedenbrücke, das heißt, um die Seehöhe zu bekommen, einfach 156,68 dazurechnen. Bei der  Umrechnung der Rechts- und Hochwerte hilft die Homepage https://open.wien.gv.at/site/koordinaten/

Viele Kreuzwege

In den vergangenen Wochen war ich auf der Summit-Tour kreuz und quer durch Oberösterreich unterwegs — quasi von Gipfelkreuz zu Gipfelkreuz. Hier noch einmal ein Überblick:
1. Hoher Dachstein (Bez. Gmunden): mit 2995 Metern der höchste Berg OÖ
2. Großer Priel (Bez. Kirchdorf, 2515) — man braucht auch im kommenden Jahr Aufgaben
3. Grünalmkogel (Bez. Vöcklabruck, 1821): ein echter Hatscher samt Verirrungsgefahr
4. Stumpfmauer (Bez. Steyr-Land, 1770): Obwohl der Gipfel samt Kreuz in Oberösterreich liegt, sind die Ausgangspunkte für eine Besteigung in NÖ oder der Steiermark gelegen.
5. Plöckenstein (Bez. Rohrbach, 1379): Zur Zeit ist dieser Teil der Böhmerwaldes durch den Käferbefall eher ein Baumfriedhof.
6. Sternstein (Bez. Urfahr-Umgebung, 1122): Man fragt sich, was war früher, der Berg oder Lift? Aber im Sommer muss man selber zur Franz-Josef-Warte hochgehen.
7. Viehberg (Bez. Freistadt, 1112): Seit kurzem hat auch der Viehberg ein Gipfelkreuz.
8. Burgstallmauer (Bez. Perg, 949): Neben dem Gipfel (samt Kreuz) lohnt ein Abstecher in die Burgstallschlucht gleich unterhalb des Gipfels.
9. Haugstein (Bez. Schärding, 895): Über der Donau in der Nähe von Engelhartszell ist er der höchste Berg des Innviertels, allerdings ohne Gipfelkreuz.
10. Tannberg (Bez. Braunau, 786): Bis zum Gipfelkreuz kann man mit dem Auto fahren.
11. Sulzberg (Bez. Ried und Grieskirchen, 770): Am Hausruck-Rücken liegt dieser Hügel, er ist der höchste Berg von zwei Bezirken, allerdings nicht der höchste Berg im Hausruck.
12. Der Mayrhofberg (Bez. Eferding, 654) wäre ein idealer Berg für Bergmessen (riesiges Kreuz), allerdings fehlt das alpine Flair ein bisschen.
13. Vor Oberbairing (Linz, 604): Der höchste Punkt in Linz liegt kurz vor Oberbairing.
14. Kürnberg (Bez. Linz-Land, 526): Naherholungsgebiet von Linz
15. Krailberg (Bez. Wels-Land, 504): Vor lauter Wald könnte man fast das Kreuz übersehen.
16. Weinzierl (Steyr, 420): Statt einem Kreuz ist dort ein Handymast.
17. Linet (Wels, 399): Unscheinbarer Waldrücken zwischen Wels und Krenglbach.

Ein Paar Impressionen:


Detailinformationen gibt es im Internet bei DORIS — doris.ooe.gv.at

Am Gipfel der Gefühle

Summit_ds_01Er ist nicht nur der höchste Berg des Bezirkes Gmunden, sondern überhaupt des ganzen Bundeslandes. Der Dachstein hat es zwar nicht in die oberösterreichische Landeshymne geschafft, aber in die steirische. Vermutlich auch deswegen, weil der Gipfel von der Steiermark aus viel felsiger und wahrlich wie ein Dach aussieht, während die Oberösterreicher die Gletscherseite bewundern können. Aber trotzdem ist er mit seinen 2995 Metern Höhe auch für Oberösterreicher der Gipfel der Gefühle.

„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los“, dichtete Rainer Maria Rilke einst über den Herbst, der nun ins Land zieht. Und schön langsam endet auch die Wandersaison. Denn in den Höhen ist nun statt mit Nieseln mit Schnee zu rechnen und täglich wird die lichte Zeit um vier Minuten weniger. Auch ich werde meine Summittour beenden und das gleich mit einer Entschuldigung: Der große Priel ist sich nicht mehr ausgegangen, ich werde es im kommenden Jahr nachholen müssen — sollten Sie aber vor kurzem auf dem höchsten Berg des Bezirkes Kirchdorf gewesen sein, mailen Sie mir doch Ihre Erfahrungen (h.schicho@volksblatt.at).

Simonys 200. Geburtstag
Was sich aber schon noch ausgegangen ist, ist der Dachstein, mit 2995 Metern Höhe der höchste Berg des Bezirkes Gmunden und der Bundesländer Steiermark und Oberösterreich. Man kann diesen Gipfel von mehreren Seiten begehen: Eigentlich sollte man sich als OÖ-Summit-Geher dem Berg natürlich von Oberösterreich aus nähern. Man macht sich von Obertraun auf zur Simonyhütte und vor dort dann gen Gipfel. Der Namensgeber der Hütte, Friedrich Simony, feiert übrigens heuer am 30. November seinen 200. Geburtstag. Er wurde 1813 in Hrochowteinitz geboren. 1840 begann Simony mit den Forschungen auf dem Dachsteinplateau und zuerst mit der Erkundung der Geomorphologie und der acht Gletscher des Dachsteingebirges. 1847 gelang ihm die erste Winterbesteigung. Nach ihm sind im Dachsteingebiet die Simonyhütte und die Simony-Scharte benannt. Von 1851 bis 1885 war er Universitätsprofessor in Wien und gründete die Lehrkanzel für Geografie.
Man kann aber auch vom Gosausee zur Adamekhüttte hochsteigen und von dort dann den Dachstein besteigen. Für beide Wanderungen sollte man zwei Tage kalkulieren und Gletscherausrüstung mithaben.
Man kann natürlich auch von der steirischen Seite kommen: Da gibt es die absoluten Kletterfixe, die sich die Südwand hochturnen. Die Dachstein-Südwand gehört mit ihren 850 Höhenmetern sicher zu den imposantesten Wänden in Österreich. Die Erstbesteigung durch die Brüder Franz und Georg Steiner am 22. September 1909 war ein alpines Jahrhundertereignis.

Helmpflicht in Rushhour
Man kann aber auch den einfachsten Weg gehen — und genau das habe ich gemacht, dafür allerdings mit professioneller Hilfe. Von der Ramsau geht die Seilbahn die Südwand hoch auf den Hunerkogel (2700 Meter). Dann auf der „Gletscherautobahn“ Richtung Seethalerhütte. Beim Einstieg an der Gletscher-Randkluft half mir Bergführer Hans Brugger ins Geschirr. Brugger betreut auch den Klettersteig und musste vor einigen Jahren den Einstieg um ein Seil verlängern. „Man merkt den Klimawandel am Gletscher besonders deutlich, der heurige Sommer knabberte wieder heftig am ewigen Eis“, erzählt Brugger, der über 500 Mal schon am Gipfel stand.
Am Rand der Felswand ist die Gletscher-Randkluft und man muss auf den Fels springen. Dann heißt es klettern, allerdings ist ein durchgehendes Seil zur Sicherheit vorhanden. Wichtig ist, einen Helm zu tragen, denn der Dachstein ist einer der beliebtesten Berge. An schönen Tagen ist Staugefahr und kleine Steine lösen sich schnell. Außerdem sollte man rechtzeitig aufstehen, damit spart man sich stundenlanges Anstehen vor der Seilbahn. Durch den Ansturm kann man auch nicht lange am Gipfel verweilen. Übrigens verläuft die Landesgrenze über den Gipfel, das Kreuz ist aber in Oberösterreich (Details hat wie immer DORIS). Wer rechtzeitig aufsteht, kann bei dieser Variante zu Mittag schon wieder herunten sein.

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Lost in Hell

Bisweilen ist nicht das Ziel, sondern der Weg das Problem. Typisches Beispiel: Der Grünalmkogel, mit 1821 Metern der höchste Berg des Bezirkes Vöcklabruck. Der Gipfel liegt nämlich mitten im Höllengebirge und ist von überall stundenweit entfernt.

summitvb04Wenn man über das Höllengebirge geht, passiert man etwa in der Mitte fast automatisch den Gipfel des Grünalmkogels, doch sollte man sich dafür auf jeden Fall zwei Tage Zeit nehmen — hatten wir leider nicht. Als Alternative habe ich zum Glück eine vermeintliche Abkürzung gefunden. Der Hirschluckensteig klingt in der Beschreibung gar nicht so kompliziert, doch hat sich diese Wanderung als echter Hatscher herausgestellt und die Regeneration danach dauerte wesentlich länger als zwei Tage.
Wissend, dass dieses Gebirge zur Hölle werden kann, hat mein Bruder sogar ein GPS-Gerät auf diese Tour mitgenommen. Wir sind in aller Herrgottsfrüh zum hinteren Langbathsee gegangen — das GPS-Gerät hat jeden Schritt dokumentiert. Haben auf Anhieb den Einstieg zur Hirschlucke gefunden und sind zu dieser Höhle hinauf gewandert — auch hier hat GPS brav funktioniert. Wir haben sogar das Seil bemerkt, dass einem über die erste Kletterpassage hilft, und haben uns die rote Punktmarkierung entlang nach oben gearbeitet. Doch plötzlich waren die Punkte weg und auch der Akku des GPS-Gerätes leer (übrigens hat sich einige Tage danach ein Wanderer in dieser Gegend so verirrt, dass er vom Hubschrauber abgeholt werden musste). Da man laut Karte aber auf jeden Fall auf den Überquerungsweg (820) treffen müsste, haben wir uns weiter tapfer durch die Latschen gequält und schließlich Stunden später auch den Weg gefunden. Dieser Weg ist übrigens ganz toll markiert und wir erreichten auch den Gipfel des Grünalmkogels (viel leichter findet man den Berg übrigens digital bei DORIS  ).

Missverstandene Grenze
Der zweite Irrtum, der diese Wanderung zum Abenteuer machte, war ein Kartenlesefehler. Denn der eingezeichnete Strich vom Grünalmkogel zum Schafluckensteig war nicht ein Weg, sondern die Bezirksgrenze. Deshalb mussten wir ganz hinab in den Pfaffengraben und auf der anderen Seite wieder hinauf Richtung Brunnkogel. Wir haben uns dann auch aufgrund der einsetzenden Dämmerung entschieden, über das Hochleckenhaus zum Taferlklaussee abzusteigen.
Nach zwölf Stunden des Hatschens und zwei Blasen sind wir schließlich trotz Dunkelheit heil angekommen.

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